Gedanken zum Spital des Augenblicks

„Das Spital des Augenblicks“ ist eine Sammlung thematisch unterschiedlicher Prosatexte. Deren gemeinsame Klammer ist die Auseinandersetzung mit Zeit und Erinnerung, die im Akt des Schreibens noch einmal aufgerollt und thematisiert wird. Der Umgang mit dem Autobiografischen existiert für mich immer in einer (kritischen) Brechung durch den Prozess des Schreibens. Im Schreiben werden sprachliche Modelle des Umgangs mit Erlebten ausgelotet und reflektiert bzw. um literarische Möglichkeiten und Fiktionen erweitert.

In der Eingangserzählung (Buchtitel), in der es um die Frage geht, wie „katastrophale Ereignisse“ neutralisiert und gewendet werden können, ist es die Fiktion eines Spitals, in das Erinnerungen eingewiesen werden können und so augenblicklich ihren Schrecken verlieren, wodurch „das Spital des Augenblicks“ zu einem Symbol der „Zeitheilung“ erhoben wird.

„Bettina“ könnte man eigentlich als Auseinandersetzung mit dem Scheitern (des Anspruchs Künstlerin zu sein, zu werden) beschreiben. Es ist aber zugleich auch die Erinnerung an einen Sommer, an die Freundschaft und die Beziehung zu einem Aktmodell. In der zeitlichen Distanz stellt sich nicht nur die Frage des individuellen Scheiterns, sondern auch eines kollektiven Scheiterns der Wünsche und Ansprüche einer ganzen Generation. Bettina, das Aktmodell wird zur Parallelfigur, Antipodin, „Muse“, die den Blick und neue Sichtweisen auf das System „KUNST“ öffnet und es letztlich ermöglicht, dieses Feld auch wieder zu verlassen.

Der Titel „Wissenskrämerei“ ist eine Übersetzung von Karl Marx’„knowledge mongering institution“ (Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses). Marx führt in diesen Studien zum Mehrwert aus, welche Tätigkeiten Mehrwert produzieren, also Teil der kapitalistischen Produktionsweise sind und welche nicht. Interessant daran ist, dass ein- und dieselbe Tätigkeit einmal Mehrwert produzieren kann und einmal nicht. Je nachdem, in welcher Form des Produktionszusammenhangs sie ausgeübt wird. Ein Lehrer ist für Marx einmal kein produktiver Arbeiter und ein andermal schon, dann nämlich, wenn er seine Arbeit innerhalb einer Wissensverwertungsmaschinerie (der knowledge mongering institution) verrichtet. Der Zweck der Institution, nämlich die Verwertbarkeit, die Vermarktbarkeit des Wissens verändert also die Tätigkeit. Hintergrund dieses Textes waren die aktuellen Veränderungen in der Bewertung von Bildung vor allem die Veränderungen im Bereich der universitäüren Bildung (Bolognaprozess). Interessant sind für mich diese Umwertungen und Umbesetzungen, der Punkt, an dem eine Ideologie kippt, das Entstehen eines neuen Diskurses. Ein Ziel des Textes war es, diese Begriffe zu überhöhen und als Satire auf die Spitze zu treiben. Was passiert, wenn man einen Text schreibt, in dem alles positiv Konnotierte des Wissens und der Bildung umgekehrt wird: Was passiert, wenn ein positiv konnotierter Begriff, die Form seines Gegenteils annimmt: z.B. Wissen, Bildung zu Instrumenten von Macht und Unterdrückung werden, Bibliotheken zu Orten der Angst und des Vergessens werden, biografisches Wissen zu einem Mittel der Überwachung, wenn Subversion das Gegenteil von dem bedeutet, was es möglicherweise früher bedeutet hätte.

Es ist also eine negative Utopie, ein distopischer Text entstanden, der aber gar nicht so fern von gegenwärtigen Tendenzen im Bereich Wissen und Bildung angesiedelt ist und meiner Beobachtung nach immer aktueller wird.

Das Thema des Umbruchs und der Schwelle findet sich in mehreren Texten. Einer dieser Umbrüche ist die Wende von analogen zu digitalen Technologien, die ja auch biografisch in meinen Erfahrungshorizont fällt. Es gibt einige Texte, die aus dieser Perspektive der Schwelle vom Analogen zum Digitalen geschrieben sind, in einem Zustand, in dem sich die digitale Welt noch nicht im Bewusstsein naturalisiert hat und ein Gewöhnungsprozess noch nicht eingetreten ist. Als Zeitindex würde ich hier die beginnenden 1990er Jahre setzen. „Eine Kamera, die keine Bilder macht“ ist ein solcher Text, wo es auch um die Frage geht, was waren die Versprechungen und was sind die Resultate einer neuen Technologie. Auch „Echo time (void)“ mit dem Thema Kommunikationsmaschinen und der Frage nach der Grenze von Mensch und Maschine könnte man diesem Themenkreis zuordnen

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Oder in „Camera, mein Zimmer, mein Kopf“ ist es die Vorstellung eines zu einer gigantischen Camera Obscura umgewandelten Zimmers, das - ähnlich kumulativ und unscharf wie die Lochkamera - Geschichtsbilder in Langzeitbelichtungen herstellt. Eher atmosphärisch und satirisch überzeichnet als dokumentarisch exakt wird der zeitliche Wandel – in diesem Fall die Rechtswende in Österreich - abgebildet.

Obwohl in den Texten ein biographischer Anlass als Auslöser erscheint, sind die Texte nicht autobiografisch zu verstehen, vielmehr wird die Fragwürdigkeit eines authentischen Zugriffs und die mit dem Eintritt in den Text vollzogene Trennung von Sprache und Wirklichkeit zum Gegenstand der Reflexion und  Auseinandersetzung.

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© 2019 Eleonore Weber

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