Rezension Gleithang Seilschaften Helmuth Schönauer

GEGENWARTSLITERATUR 2928
Gleithang Seilschaften
Im Gebirge lösen Begriffe wie Gleithang und Seilschaften sofort eine abenteuerliche Stimmung aus, alte Fahrtenbücher werden evoziert und mitten im Fels gibt es Kameradschaft und Sicherheit. Aber noch während man sich vom Umschlag löst, kommen bereits die ersten Konnotationen auf, der Gleithang ist längst ein Fachbegriff der Geologie geworden und bezeichnet Hänge, die ins Schwimmen geraten und als Mure in die Tiefe gleiten. Und die Seilschaft hat mittlerweile ihr Quartier in den Ministerien aufgeschlagen. Wer nicht politisch verknotet ist, fällt aus der Wand des Machtgefüges.
Eleonore Weber versichert ihre Gedichte in einer optimistischen Gesellschaft der Popkultur, helle Songs flirren durch die Luft und die sonnige Witterung ist erfüllt mit Frank Zappa, Procol Harum, Bob Dylan oder den Stones. Längst sind die in den Songs angerissenen Texte Allgemeingut geworden und begegnen uns als Ohrwurm im Kaufhaus genauso wie in der politische Ansprache oder im Smalltalk. „Wild Horses“, „Gimme Shelter“ und „Here comes the sun“ sind Evokationen, die in Sekundenschnelle einen vollkommenen Stimmungskosmos auslösen. Kollektiv angesprochen ist jeder in genau jene Zeit gebeamt, als er den Song zum ersten Mal gehört hat.
Die Autorin greift hemmungslos auf dieses Liedgut zurück, denn Ohrwürmer sind auch gute Datenträger, mit denen sich zusätzliche Botschaften ins Hirn schleusen lassen. Im Untertitel dieser Kulturtechnik des Sound-Zitats ist von „slip-off-slope-rope-parties“ die Rede. Der englisch-sprachige Spezialausdruck verweist auf ein zusätzliches Kompositionselement: die Gedichte sind zweisprachig auf Englisch und Deutsch ausgeführt. Freilich entspricht der Sprachstatus einem gekünstelten Schülerdeutsch, wie es in den Pausen nachweht, wenn der Englischunterricht in die Hosen gegangen ist.
Mit vulgären Handgriffen wird den Songs in den Schritt gefasst und sie werden mit einem Aha-Erlebnis ausgehoben. „im falschen element // diesen wiederkehrenden traum / nach einer nacht im hangover / hotel wachst du auf / weil du durst hast / gehst du zum waschbecken / in die küche / bei dir daheim drehst / den wasserhahn auf / hältst den kopf / unter den strahl / trinkst“ (95) Was wie eine rudimentäre Übersetzung mit der Google-Maschine klingt, offenbart jedoch jenen ruckartigen Druck, der zwischen den beiden Sprachscheiben aufgebaut ist wie bei einer schlecht eingestellten Kupplung. Das lyrische Du wird von den Floskeln aufgerieben, die mal direktes Liedzitat, mal spontan zurechtgebogene Übersetzung sind. Aus den einzelnen Motiven eines Pop-Songs entsteht spätestens beim Umblättern der pure Blues. Die schönen Fügungen von damals fressen in der Gegenwart jeglichen Versuch auf, sich wenigstens in der Erinnerung etwas Unschuld zu bewahren.
Die Gleithang-Seilschaft aus über hundert Gedichten hängt an drei Karabinern, um im Bild zu bleiben. Nur ein Schuss weit weg / Es bleibt derselbe Fluss / Halbe Nachricht. Den Kapiteln ist die jeweilige römische Ziffer zugeordnet, wobei man etwas großzügig denken muss, um zu begreifen dass beim III-er der dritte Strich fehlt, weil er ja eine halbe Nachricht ist.
Die beigefügten Vignetten sind auch nicht ohne, ein Fisch, der im Stil einer Boeing den Start abbricht, kaputte Tiere, die in der Verwesung die Gestalt eines menschlichen Fußes oder ausgenommenen Magens annehmen, und schließlich ein Kipferl, das sich gerade in ein Exkrement verwandelt. Die Zeit nagt an den Vignetten, nichts ist am Ende der Zeichnung so, wie es für das leere Blatt geplant war.
Dieser Zeichenstil hilft auch bei der Deutung der Gedichte für den Alltagsgebrauch. Das Eingangsgeräusch ist ein Ohrwurm, aber schon nach ein paar Takten ist das Gebilde entgleist, des Gedicht sprengt sich selbst in seine Empfindungsteile. Der simple Durst, wie er entsteht, wenn darüber getrunken wird, spaltet sich in unerträglich spitze Erlebnisfasern auf, die in Zeitlupe zerreißen.
Die drei Kapitel verdeutlichen die Vorgangsweise, die den Gedichten innewohnt. Die lyrischen Helden sind immer in Schussweite eines Gemetzels oder einer Droge, was immer du unternimmst, es bleibt die gleiche Soße, jede Nachricht ist eine Halbnachricht, deren entscheidenden zweiten Teil du nie erfährst.
Solcherart vorbereitet lesen sich die Gedichte wie am Schnürchen. Große Begriffe wie Eifersucht oder Liebe kommen dem lyrischen Ich leicht von den Lippen, sind sie doch im Bedarfsfall bloße Zitate, die immense Konnotation auslösen. In der Eisbergsprache: Wir sehen in den Gedichten nur die Lippen des Eisbergs, den unterirdischen Anteil unter Wasser sehen wir nicht.
„Grab meinen  Mund dir ins Haar, bis er voll ist. / Mein unbegründeter Abgrund liegt jenseits der Lunge. / Wo dein Fuß zu Ende ist, beginnt mein Fuß wie eine Verlängerung von dir.“
Jede einzelne Zeile bringt die Poesie zum Kochen. Aus Kleinigkeiten entwickeln sich Universen, die Anatomie unserer Körper wird gesprengt. Die Sinnesorgane werden in die Wildnis entlassen.
Sagenhaft kühn und frivol, eine poetische Eruption.
 
Eleonore Weber: Gleithang Seilschaften. Slip-Off-Slope-Rope-Parties.
Wien: edition fabrik.transit 2020. 137 Seiten. EUR 13,-. ISBN 978-3-903267-20-6.
Eleonore Weber, geb. 1966 in Wien, lebt in Wien.
Helmuth Schönauer 27/08/20
 
© 2019 Eleonore Weber

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