IN DEN SÄTZEN
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Rezension "In den Sätzen"

Es kommt vor, dass sich Literatur zuerst die eigenen Voraussetzungen schaffen muss, bevor sie sich thematisch entwickeln kann. Von diesen Voraussetzungen des Schreibens ist auch in dem Buch "Vorbereitung des Romans" von Roland Barthes die Rede, der aus seinem Vorhaben, einen Roman zu schreiben, eine Vorlesung machte. Eleonore Weber scheint in dem Text "In den Sätzen" in ähnlicher Weise vorgegangen zu sein. Denn im Grunde beschreibt auch dieser Text nicht, was sich begibt, sondern, wie sich ein Text entwickelt und stellt so, etwas, dem thematischen Schreiben Vorgelagertes, dar. Eine Materialsammlung, Präliminarien, die überhaupt erst einen Weg zum Gegenstand schaffen, so könnte "In den Sätzen" beschrieben werden. Eleonore Weber nennt es eine Rhapsodie.
Anknüpfungspunkte an Roland Barthes "Vorbereitung des Romans" finden sich, wohl unbeabsichtigt.
Barthes nennt das Alter einen wesentlichen Bestandteil des schreibenden Subjekts (Schriftsteller= Ich verdränge nicht das Subjekt, das ich bin (Barthes)). Die "Mitte" des Lebens, die nicht die arithmetische Mitte sein muss, wird für das schreibende Subjekt Anstoß, Initiation, Rechtfertigung, Bewusstsein der Unumkehrbarkeit, dass "die Tage gezählt sind". Barthes bezieht sich auf einen literarischen Klassiker, auf Dantes "Die göttliche Komödie": "Mittewegs auf unseres Lebens Reise fand / in finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen / weil die Spur vom graden Wege schwand"
Das Motiv von Dantes Göttlicher Komödie wird in "In den Sätzen" in einen Museumsraum verlagert. Die Erzählfigur trifft im ersten Teil "Die Hölle auf Erden" als Besucherin auf eine Führerin, mit der sie früher in einer Liebes-Beziehung stand. Die Führerin erwähnt anhand des Bildes einer Malerin "Die Hölle auf Erden" auch Dantes "Die göttliche Komödie".
Ein Hinweis, ein Clou, könnte man sagen, wie viele Referenzen, die in den Text eingestreut sind. Versatzstücke, Namedropping, wenn nicht auch die skizzenhafte Form berücksichtigt werden müsste. Im Text erschreibt sich das Motiv und das Material. Die literarischen, musikalischen und popkulturellen Referenzen - im Text blau hervorgehoben - können auch als Anker, Versicherungen und Verknüpfungen gesehen werden. Schreiben ist Neuland. (Vita Nuova Dante/Barthes)


Die Reise in einen unbekannten Kontinent, die durch die Erschütterung der Lebensmitte "getriggert" wird, gerät bei Dante zum dunklen Abstieg in die Hölle.
Bei Eleonore Weber erfolgt sie als Aufbruch und Flucht vor dem "horror vacui" in die bunte, "barocke" Vielfalt eines fiktiven Nepal.
Dazu ist nun zweierlei zu sagen. Erstens: Zeitlich versetzt liegen die nicht näher beschriebenen "Finsternisse" der Erzählfigur in der Vergangenheit, in einer Art traumatischen Stasis. In den beiden Passagen "In den Sätzen - Nachsatz", die im Unterschied zu den anderen in der dritten Person gehalten sind, wird versucht, sie durch den Bezug auf andere Texte (Nelly Sachs Gedicht "Überall Jerusalem" und Georg Trakls Gedicht "Ein Winterabend", das nur lautmalerisch anklingt) in Bewegung zu versetzen. Damit wird auch eine innerbiografische Bedeutung der Verwendung von Texten anderer sichtbar bzw. des Lesens überhaupt als Praxis der Aneignung und des Einbauens in eigene biografische Kontexte:
Zweitens: Der Aufbruch in einen anderen Kontinent ist die Suche nach der möglichen anderen Welt in einem gesellschaftlichen-politischen Sinn.
In der "versifftesten Toilette Wiens" findet die Erzählfigur einen Zettel, der dazu einlädt, "die Welt zu verändern, ohne die Macht zu übernehmen." (Zitat John Holloway) Sie folgt dieser Einladung und macht sich auf den Weg in ein Camp am Fuße des Anapurna. Wie Dante bei seinem Abstieg in die Hölle auf den Führer Vergil, stößt sie bei ihrer Ankunft auf ihre Begleiterin und Führerin Lenny.
Damit zerfällt der Text in einzelne reflexive Abschnitte, in denen Lenny sich immer mehr von einer konkreten Figur zu einer inneren Ansprechpartnerin in einer Art Zwiegespräch wandelt.
Das Camp wird zum Vorwand, in dem gesellschaftliche und philosophische Fragen verhandelt werden. Kulissenhaft, theatralisch, grob skizziert und nur angedeutet erscheint überhaupt die ganze "nepalesische" Phantasie-Außenwelt wie eine Bühne für gesellschaftspolitische Reflexion und authentische brennende Fragen. Für diejenigen, die sich daran nicht stoßen, wird es eine teilweise sehr unterhaltsamen Auseinandersetzung über die akute zeitgenössische politische Entwicklung seit der Flüchtlingskrise 2015. (Vergleiche das Kapitel "Echtzeit") Zugleich stellt sich auf verschiedenen Ebenen die Frage des Gehens und Verlassens. (Bildlich dargestellt durch die vielen Füße, eine Figur schreitet aus dem Buch ...)
Im Politischen stellt sich natürlich die Frage nach dem Transzendendieren des Kapitalismus. Obwohl keine konkreten Lösungen gefunden werden, ist es ein Plädoyer für Solidarität und gegen "die Kälte der Zeit". Formal und metafiktional wird der Text verlassen, indem immer neue diskursive, essayistische und poetische Elemente eingebaut werden. Nicht zu Unrecht nennt die Autorin ihren Text eine Rhapsodie, also zusammengenähtes, buntes Flickwerk. Auch darin befindet sie sich in Gesellschaft von Roland Barthes, aber auch von Musikern und Komponisten wie Gershwin oder Queen.
Den Text als die "Rede, die man zwar hätte sprechen können, aber genau deshalb nicht spricht, weil man sie schreibt" (Paul Riceur), könnte man sich übrigens auch gut gesprochen vorstellen. Viele Passagen scheinen in der Form eines Prosagedichtes klanglich und rhythmisch für den Vortrag geschrieben. Dass sie teilweise im emphatischen Duktus des Appell und Aufrufs verfasst sind, trägt dazu bei. Die Berührung und Vermischung von Pop und Alltagssprache wird nicht gescheut. In einer Art Glossar "Gossip und Trash" werden einzelne Zitate noch einmal reflektiert.
Zu einem Charakteristikum des Buches gehört die Gestaltung. Die bildende Künstlerin Eleonore Weber hat "In den Sätzen" mit Zeichnungen versehen, die die sinnliche und haptische Qualität des Buches als Medium deutlich machen. Die Zeichnungen sind mehr als nur Illustration, sie greifen bestimmte Aspekte des Textes noch einmal auf und übertragen sie in ein anderes Medium. Sehr gelungen ist das Kino im Buch, in dem die Leser*in in die Position der Erzählfigur versetzt wird, die in einem leeren dunklen Kino auf der Leinwand einen Satz von Ödön von Horvath "Wie kalt das Licht wird ..." (wenn man denkt) erscheinen sieht. Die Kinosituation ist wiederum an den Hollywoodfilm "Stir of Echos" angelehnt.
Wer sich stringente Figurenentwicklung und literarische Narration erwartet, wird enttäuscht. Für diejenigen, die Einblick in einen Schreibprozess erhalten möchten, ist "In den Sätzen" auf jeden Fall zu empfehlen.

Petra Panther

© 2019 Eleonore Weber
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