Was nicht gelehrt und gelernt werden kann

Von manchen Büchern weiß ich noch, wo ich sie zum ersten Mal gelesen habe. "Das Urteilen" von Hannah Arendt hatte ich beim ersten österreichischen Sozialforum 2003 in Hallein in der Hand und im Zug auf der Fahrt dahin und in den Pausen immer wieder darin gelesen. Vielleicht auch, weil ich es damals von jemandem bekommen habe, der meinte, es wäre das richtige Buch für mich. Ich könne Dinge beurteilen, ich hätte diese Fähigkeit der Urteilskraft, die nicht gelehrt und gelernt werden kann. Ich weiß nicht, ob dem so ist. Natürlich fühlte ich mich damals geschmeichelt, aber ich sehe das heute viel kritischer. Ich weiß nicht, ob ich die Dinge beurteilen kann, denke aber, dass es notwendig wäre.

Das Buch von Hannah Arendt lese ich immer noch. Immer wieder. Und gerade jetzt erscheint es mir sehr aktuell.
Dabei ist es kein Buch, das Arendt noch selbst schreiben konnte. Sie hattte vor, als letzten Teil ihres Werkes "Vom Leben des Geistes", nach "Das Denken"und "Das Wollen", ein drittes Buch über das Urteilen zu schreiben. Sie starb, bevor sie es beginnen konnte. In ihrer Schreibmaschine fand sich nur ein Blatt mit dem Titel "On Judging" und darunter zwei Zitate.
"Das Urteilen. Texte zu Kants politischer Philosophie" wurde erst nach ihrem Tod rekonstruiert aus ihrer Vorlesung über Kants politische Philosophie (gehalten 1970/71 in New York), aus ihren Aufzeichnungen und einem Essay von Roland Beiner, der dieses ungeschriebene Buch Arendts in einen Rahmen setzte, als wäre es von ihr geschrieben worden, ein sehr ungewöhnliches, riskantes Verfahren.
Es gibt Dinge, an denen bleibe ich hängen, weil sie mich beschäftigen. Wenn Hannah Arendt aus der Analyse des Geschmackurteils von Kant zu dem Schluss kommt, dass das Urteilen (als Beurteilen einer Situation) etwas ist, das nicht gelehrt und gelernt werden kann, so las ich das immer mit Zustimmung und großer Sympathie, wie etwas, das ich selber unterschreiben konnte. Es löste Erleichterung aus, wie alles Kritische auch etwas Lösendes und Befreiendes hat in dem Sinn: dass es so etwas gibt wie die Gemeinschaft der Denkenden.
Wenn jemand die gleichen Gedanken hat, entsteht eine Gemeinsamkeit, die schwer zu beschreiben ist, über Zeitgrenzen und mediale Grenzen hinweg. Das ist das Wichtige an Büchern: das Verstehen, die Verbindung und Zustimmung oder auch der Dissens, über Zeitgrenzen hinweg in einem Dialog zu stehen. Im Verstehen, wozu auch das Verstehen und Akzeptieren gegensätzlicher Meinungen gehört, befinden wir uns am gleichen Ort. Das ist etwas anderes als das bloße Aufeinanderprallen von Meinungen. Wenn Meinung gegen Meinung steht, wird niemals das entstehen, was Arendt Urteilen nennt. Wer urteilt, muss fähig sein, die Standpunkte des Anderen in sein Urteil einzubeziehen. Deshalb bezieht es sich immer auf das, was mit Vielen geteilt wird, nie auf den Einzelnen.
Ein Hin- und Herwandern zwischen unterschiedlichen Standpunkten und Positionen, die vergegenwärtigt werden, findet auch im Denken statt. Ich finde das sehr schön, wie Arendt diese geistigen Prozesse beschreiben kann.  
Was dieses Buch brisant macht, ist der Kontext, seine Verankerung in einer konkreten historischen Situation und Fragestellung aus dem es seine Position und Blickwinkel bezieht. Hannah Arendt war Beobachterin beim Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem.
Sie hat dort Eichmanns Unfähigkeit zu denken und zu urteilen erlebt, den Verlust der Fähigkeit Recht von Unrecht zu unterscheiden. Sie stellt auch die Frage, wie es möglich sein kann, dass sich Menschen in Zeiten des Totalitarismus ihre Urteilskraft bewahren. Von daher ist auch die Autonomie der Urteilsktraft zu sehen, dass das Urteilen unabhängig ist von dem, was gelehrt und gelernt werden kann. Die Urteilskraft gehört zu den unverfügbaren, bestehende Kategorien und Festlegungen sprengenden Fähigkeiten. Sie ist dem Menschen inhärent. Sie kann weder unterrichtet, noch gelernt werden. Sie lässt sich nicht vereinnahmen. Sie ist ihrem Wesen nach kritisch und subversiv.
"Menschliche Wesen", schreibt Arendt, "sollen fähig sein, Recht und Unrecht zu unterscheiden und zwar selbst dann, wenn das, was sie leiten könnte, nur ihr eigenes Urteil ist, welches - das kommt noch hinzu - vollständig quer liegt zu dem, was die einhellige Meinung aller, die um sie herum sind ..." *
Sie müssen fähig sein, Recht von Unrecht auch in einer Situation zu unterscheiden, in der es keine Regeln gibt:
"Diese wenigen, die immer noch fähig waren, Recht von Unrecht zu unterscheiden, taten dies wirklich nur aufgrund ihrer eigenen Urteile, und sie taten es unabhängig; es gab keine Regeln, an die sie sich hielten und unter die die einzelnen Fälle, denen sie sich gegenüber sahen, subsumiert werden konnten. Sie hatten in jedem aufkommenden Fall zu entscheiden, weil es für das Noch-Nicht-Dagewesene keine Regeln gibt"*
Das Urteil muss frei sein und die Bedingung für seine Autonomie ist die Fähigkeit zu denken. Die Unfähigkeit zu denken hat fatale Folgen.
Dass im Alleinsein in Fremdbestimmung (Heteronomie) und dort, wo aus den bestehenden Regeln keine ethische Position mehr abgeleitet werden kann, ein Urteil - unabhängig von allgemeinem Konsens - möglich ist, macht Mut zum Widerstand und zum eigenen Denken. Diese Fähigkeit der Urteilskraft ist universal allen vorbehalten, und nicht auf wenige begrenzt. Sie läuft quer zu dem, was sich als unumgängliche Sachzwänge etabliert hat und bahnt in Zeiten von Totalitarismus und Konformismus einen Weg aus Sackgassen. Gerade dann wird die Urteilsfähigkeit zu einer allgemeinen Fähigkeit. Wenn man urteilt, urteilt man als Mitglied einer Gemeinschaft.
"In Zeiten historischer Krisen", schreibt Arendt, "hört in politischen Angelegenheiten das Denken auf, eine marginale Sache zu sein, weil diejenigen, die die Fähigkeit zum kritischen Denken besitzen, nicht wie alle anderen nicht-denkend mitgerissen werden"
Genau dann, wenn die Maßstäbe des Urteils verschwinden, erhält das Urteilsvermögen seine eigentliche Aufgabe.

*) Hannah Arendt: Das Urteilen. ... S.126.

Hannah Arendt: Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie, Piper, München 1985.

mulberry mouth

the herb Paris of your voice
in the backest corner of the garden
"are these deadly nightshades or cornelian cherries
behind the consecrated
elder?"
mulberry
like once before I pick her and she
rims the mouth shrills a blue
bell in the dream we ride: small-me on the scooter
you on the stepboard jump on
and off
running board reason
my donkey child
you arise in the snow
I screamed in the monkey tree
the wind blew summer out of the fur
the world hit my disheartened
knee

 

 

© 2019 Eleonore Weber
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