Die Wissenskrämerei*

"noch immer im umzug begriffen - so laß mir doch sage ich mit einer kinderstimme das wohnlicht wenigstens, wenn du gehst, damit ich einschlafen kann"

„… die Bibliothek einer anderen Verwendung zuführen“, sagte Mara. Wir saßen in der Vorhalle des Instituts und beobachteten die Leute auf der Rampe. Da ich mich zuvor kurz auf die schwarze Anzeigetafel konzentriert hatte, auf der die aktuellen Kurse als rote Leuchtdioden angezeigt wurden, hatte ich ihr erst beim letzten Teil ihres Satzes zugehört. Am Institut sprach man schon seit längerem nicht mehr von Kursen, sondern nur noch von Seminaren und Vorlesungen. Das Institutsgelände wurde seit den Umstrukturierungen als Campus bezeichnet, den großen E5 Projektraum nannten nur noch die Älteren so, alle andern sprachen vom Audimax, aber auch die Älteren hatten eine Sensibilität gegenüber dem Kurswert gewisser Worte entwickelt, hatten gelernt die subtilen Schwankungen ihres Werts zu registrieren und versprachen sich nur selten. Es lag einfach in der Zeit. Mara hingegen war ein hoffnungsloser Fall. Es war ihr keine Renitenz zu unterstellen, sondern einfach nur fehlende Sensibilität. Sie merkte nicht, dass sie danebenlag. Es fehlte ihr jegliches Gefühl dafür, was etwas bedeutete und vor allem wann etwas seine Bedeutung veränderte, wann etwas unmöglich wurde und –vielleicht seltener – wieder möglich war. Auf diese Umschläge des Möglichen zum Unmöglichen waren wir trainiert. Wir spürten förmlich, wenn eine Wende in der Luft lag, assimilierten die Wendungen. Unausgesprochen teilte es sich uns mit und wir nahmen es vorweg. Keiner brauchte uns darauf aufmerksam zu machen. In Redesituationen parierten wir angemessen in den Grenzen des Repertoires. Mit Röte, wenn wir danebenlagen, oder mit Schweigen. Verstöße gab es kaum. Der Raum, den wir beanspruchten, war identisch mit dem Raum, der uns zugestanden wurde:  Einschätzung, Augenmaß – das waren Werte, die am Institut großgeschrieben wurden, mit denen wir groß geworden waren. Wir richteten uns danach. Mara war maßlos. Alles, was sie anfasste, uferte aus, verlief sich und zerfiel. Nichts konnte sie zu einem Ende bringen. Als Maras Mentorin war mir klar, wie sehr sie schon an der Kippe stand, die Zeit, die ihr zugestanden wurde, war eine Art Gnadenfrist. Wir alle wussten es. Dass ich mich noch mit ihr abgab, geschah aus reinem Pflichtgefühl heraus. Wenn sie schon ihrer Rolle nicht gerecht wurde, so wollte ich wenigstens die meine erfüllen. Theoretisch hätte ich meine Funktion jederzeit zurücklegen können. Aber so zwang ich mich und auch Mara zu unseren wöchentlichen Sitzungen, obwohl das Ende für mich absehbar war.

Die Rede von den Mentorinnen war in den letzten beiden Jahren aufgekommen. Auf Weisung von oben und den meisten war klar, dass es sich dabei um eine neue Maßnahme im Zuge der erweiterten Berichterstattung handelte. Weiche Überwachung durch persönliche Abhängigkeit. Seit eine Studie zu dem Ergebnis gekommen war, dass anonymisierte Lernstrukturen individuelle Abweichungen förderten, war in Reaktion darauf europaweit das ESSFP (das European Subjective System Feedback Programm) beschlossen worden. Im Kern verfolgte man den Ansatz, durch enge persönliche Bindung möglichst früh und tiefgreifend, detaillierte Informationen über die mögliche Entwicklung der einzelnen Mentees zu erlangen, wobei kein Bereich als unwesentlich erachtet wurde. Im Gegenteil, die Sitzungen drehten sich meist um Persönliches, Alltägliches. Wir waren vor allem angewiesen, zuzuhören. „Tot werde ich sein, wenn ich nicht mehr höre, was mir ein anderer von sich erzählt“: Das Zitat von Elias Canetti hatte Schleinzer, unser Ausbildungsleiter, gerahmt über seinem Schreibtisch hängen. Dass alle Gespräche digital aufgezeichnet wurden, hat, soweit ich weiß, niemand mitbekommen. Andrerseits war das gesamte Gebäude – wie alle öffentlichen Gebäude - längst schon videoüberwacht, sodass die meisten das allgemeine Gehört- und Gesehenwerden ohnehin voraussetzten. Unsere Gesprächsaufzeichnungen waren insofern anders, als alle Gespräche dieser Art einer intensiven Auswertung unterzogen wurde. Eine Spracherkennungssoftware ermöglichte die sofortige Verschriftlichung, was früher Unmengen an Transkriptionsaufwand bedeutet hätte. So aber hatten wir nur mehr die Aufgabe der subjektiven Analyse, was ja den eigentlich spannenden Teil der Arbeit darstellt und darüber hinaus auch als ein wesentliches Element unserem Forschungsprojekt angerechnet wurde. Wenn man die transnationale Ausrichtung des ESSFP bedenkt, ist ungefähr abschätzbar, wie viel an Datenmaterial in den zentralen Stellen einlangte. „Grass root-“ bzw. „Livetest Sensoren“ lautete die offizielle Bezeichnung für unsere Tätigkeit und es wurden kaum Gelegenheiten ausgelassen, auf die Wichtigkeit unserer Arbeit hinzuweisen. Der zentrale Apparat sei schließlich viel zu komplex und behäbig, um all die subjektiven Befindlichkeiten zu registrieren, so aber würden diese letztendlich auch verwertbar. Möglicherweise hätte man das Verhältnis, das durchaus auch von offizieller Seite, zwischen Mara und mir angestrebt wurde, früher Freundschaft genannt. Ich denke oft darüber nach, ob ich mich mit Mara auch so getroffen hätte, wenn es nicht diesen eindeutigen Zweck unserer Beziehung gegeben hätte. Ja, auch Mara war sich des Zwecks unserer Treffen bewusst. Allerdings nur des Zwecks der Ausbildung und Förderung wie es im „Ausbildungsvertrag“ zwischen der Institution und ihr vereinbart worden war. Die Sprachregelung des „Vertrags“ sollte formal und demokratisch die Gleichwertigkeit der Vertragspartner zu unterstreichen, wovon aber in Wirklichkeit nicht die Rede sein konnte. Es hatte sich aber eingebürgert, insbesondere in Autoritäts- und Hierarchie-Situationen von Verträgen zu sprechen. Dass es daneben auch einen Zweck der Beschreibung und Typisierung von „Menschen wie Mara“ gab, ahnte Mara nicht. Ich denke fast, sie hätte mir genauso bereitwillig von sich erzählt, wenn sie alles gewusst hätte. Mara gehörte zu den Menschen, die keinen Unterschied mehr machten, wenn sie einmal jemanden in ihr Vertrauen gelassen hatten. Und mein Wissen über Mara zog automatisch ihr Vertrauen nach sich, sodass es in ihren Augen ganz und gar unmöglich war, mir jetzt noch zu misstrauen. Ich glaube, für sie waren Vertrautheit und Vertrauen ein und dasselbe. Von diesem Punkt an, ein irreversibler Vorgang. An diesem Vormittag im Foyer hätte ich mich gerne für nichts als Maras Freundin gehalten. Wir waren uns nahegekommen. Das heißt, Mara hatte begonnen, mir von ihrer Kindheit zu erzählen – („Vorsicht: Kindheit ist das Forschungs-Gold“, Schleinzer) – ich war entsprechend hellhörig. „Weißt du eigentlich, warum ich nicht mehr lernen kann? – Weil mir das Wissen nie geholfen hat.“ Ich wusste, da würde noch mehr kommen. (Jetzt den Redefluss nicht unterbrechen! Anteilnahme zeigen; Bestätigung signalisieren durch eine motivierende Interjektion: hm-hm). Das alles hätte es aber ohnehin nicht gebraucht. Mara hatte sich ohne mein Zutun in einen Furor geredet. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich überhaupt noch wahrnahm.

„Bestan ni onyd ka gwon gir do mersed sto twana at kim“ – Immer, wenn Mara aufgeregt war, verfiel sie ins Liworische, einen fast schon ausgestorbenen Dialekt, den nur noch eine Handvoll Leute aus unserer Gegend sprachen und noch weniger verstanden. Maras Großmutter war eine Liwora gewesen, ich wusste das aus ihrem Bewerbungsakt. Aus dem Liworischen gab es keine schriftlichen Aufzeichnungen. Einigen Theorien zufolge soll sogar einmal ein Verbot der schriftlichen Tradierung existiert haben: „Schreiben heißt nach und nach seine Erinnerungen sterben lassen“. Die meisten am Institut hielten das jedoch für Aberglauben. Aber auch sie konnten nicht erklären, warum die jahrhundertealte Tradition der Liwora keinerlei Texte hinterlassen hatte. Assimiliert waren die Liwora längst, wenn sie auch, das wurde durch Langzeit-Studien belegt, nicht zu kulturellen Höchstleistungen fähig eingestuft wurden. An Elite-Instituten waren Liwora selten anzutreffen. Mara war im Zuge eines Positiven Maßnahme Programms, das Kontingente für anerkannte Gruppen wie die Liwora vorsah, ans Institut gekommen. Ihre Punktezahl allein hätte nicht gereicht und seitdem die Anforderungen für alle Institute standardisiert worden waren, wohl auch nirgendwo anders. Denn das sekundäre Segment, das Mara andernfalls vorbehalten gewesen wäre, war nichts anderes als eine euphemistische Umschreibung für die bildungspolitische Entsorgung. Ein lebenslanger Kreislauf ohne irgendeine Chance auf Aufstieg oder Entwicklung. Das war es auch, was Mara jetzt blühte. Aber das schien sie nicht zu kümmern. Sie widersprach, als ich sie einmal daraufhin anredete: Nein, weißt du, nicht mehr. Das ist wie bei einer Feder oder einem Gummizug. Es ist alles ausgeleiert. Mein Angstkontingent ist aufgebraucht. Da hatte ich sie fast darum beneidet: Um ihre Lethargie? Um ihre Unantastbarkeit? Die Angst vor dem Absturz saß uns allen in den Knochen. Und je höher wir stiegen, umso stärker wurde sie. Tagsüber war sie noch zu meistern, aber nachts, - was hätte ich nicht gegeben für einen traumlosen Schlaf. Mir gewendeten Kleidern, die Nähte nach außen, die Label lesbar, stand ich vor aller Augen im Konferenzraum. Das ist der letzte, an den ich mich noch erinnern kann, aber er gehört noch zu meinen harmloseren Träumen. Von einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen. Vielleicht gab es tatsächlich Kontingente der Angst, mit denen man haushalten musste. Wenn alles Erdenkliche bereits eingetreten ist, gibt es auch nichts mehr zu fürchten. Es war vielleicht nur eine Frage des Höhenunterschieds. Und unten, zu ebener Erde, im Tal blühte einem alles schon jetzt.

Weil mir das Wissen nie geholfen hat – ein klassischer Erzählanfang. Zu erwarten war eine Argumentation, im besten Fall durchsetzt mit eigenen Erfahrungen und Erlebnissen, die belegen sollten, wie es zu diesem Standpunkt gekommen war. Gut. Erzählt wird immer das Außergewöhnliche. Verhandelt werden gesellschaftliche Maximen und Normen, zu denen sich das Subjekt in Beziehung setzt und sich in seiner Distanz zu rechtfertigen sucht. Ein apologetischer Text. Gut.

Warum mir das Wissen nicht geholfen hat. – Nicht nur am Institut, auch ganz allgemein, klang ein solcher Satz häretisch. Negierte er doch nicht nur die Bemühungen und Investitionen, die von Außen an das Subjekt herangetragen wurden. Er zeugte außerdem von einer Nachlässigkeit und Missachtung seiner selbst. Was sind wir denn, wenn nicht, die Summe unseres Wissens? Bildungsverweigerung war Selbstaufgabe. Ich kenne einige, die einen solchen Satz bereits als pathologisch gefährdet aufgefasst und mit den nötigen Maßnahmen reagiert hätten. Beunruhigend war er allemal, besonders wenn er, wie ich annahm, als Resümee zu lesen war, als Maxime, als Coda. Denn das bedeutete, dass ihm eine Entwicklung vorausgegangen war oder besser, dass diese Art von Entwicklung möglich war. „Entkopplung“ war ein – wenn auch umstrittener - Fachbegriff dafür. Umstritten deshalb, weil es ja offiziell keinen Austritt gab. Den Abstieg ja, aber nicht den Austritt in etwas qualitativ anderes.

Ich komme aus einer Zeit, in der das Wissen noch geholfen hat. Da war es wieder. Lege zwei Zeiten nebeneinander und es entsteht automatisch Kritik. Die eine Zeit wird die andere nicht stehen lassen. Keine Zeit will den Raum mit einer andern teilen. Selbst wenn alle explizite Kritik verboten wäre, die bloße Feststellung des Bestehenden würde schon ausreichen, das Dokumentarische – die Aufzählung dessen, was ist; nicht mehr ist; anders war. Und Erinnerung war zweifellos ein kritischer Faktor, - Schleinzer hatte das richtig erkannt und uns darauf angesetzt – unser Ohr an den Graswurzeln - um das Gras wachsen zu hören, es beizeiten zu schneiden.

Wenn Mara von dieser Zeit, ihrer Kindheit, sprach, dem ersten Lesen, der Sucht nach allem Geschriebenen, so hatte man fast den Eindruck sie wäre eine von uns, - wenn es den Zeitsprung nicht gegeben hätte. Man kann sagen: früher wäre sie eine von uns gewesen, mit dem Unterschied, dass „Lesen, die Sucht nach allem Geschriebenen“ etwas anderes bedeutet hatte. Dem Dilemma entkam ich nicht. Der Kritik, die im Kern aller Differenz innewohnt.

Auf Zetteln hatte sie ihre ersten Buchstaben notiert, später Sätze, das Wortwild zwischen Buchdeckeln aufgestöbert. Wie auf einer Schaukel war es ihr vorgekommen in den Lesesälen im Höhenrausch, nach oben hin unbegrenzt, gegen unendlich zu. …zur Verbündeten der Worte erklärt, zum Punkt hinter den Sätzen … auch nach innen hin grenzenlos in der Einverleibung der Schrift, nichts fremdes, nichts eigenes mehr, Fluss – und die Texte ein Gegengewicht zur „Welt“, mit dem man sich verbünden konnte, hinter das man sich stellen konnte gegen etwas. Heute waren die Bibliotheken Orte der Angst. Man roch sie, wenn man durch die Lichtschranken und Körpersensoren kam. Sie hing in den gläsernen Prüfungsräumen und Arbeitskabinen. Hier gingen alle mit gesenktem Blick. Stiefelblick. Es war warm und doch fror man ständig. Wenn man zu lange ins Licht sah, blieben rote und schwarze Nachbilder auf der Retina zurück, die erst nach Stunden abklangen. Ich kenne niemand, der länger als sechs Stunden durchhielt.

Einmal hatte mir Mara von ihrer Zeit in P. erzählt, noch vor den Mailänder-Prozessen. Mara hatte die Zeit – und das war wieder so typisch für Mara – mit Herumstreunen und Flanieren verbracht und ihren längst fälligen Bericht an die Akademie immer weiter hinausgeschoben. Stattdessen hatte es sie immer wieder in die L’Etrange gezogen, eine der letzten großen für jedermann zugänglichen Bibliotheken. Personenkontrollen in der L’Etrange waren damals so gut wie nicht vorhanden. Die Bestände waren frei zugänglich. Man hielt die L’Etrange in den Tagen vor ihrem Abriss für unschädlich. Aus einer Notiz: „…Wieder bin ich in der Bibliothek, die ein Ort des letzten Ankämpfens gegen ein sich verflüchtigendes Bild ist, denn ich wüsste nicht, wohin ich gehen sollte, um diesen Eindruck aufzuschreiben …“

Wie um hundertachtzig Grad gedreht erschien hier der Sinn der Bibliotheken als Orte der Auslöschung und des Vergessens. Was einmal zwischen zwei Buchdeckeln gepresst in den Regalen stand, mit dem war man fertig. Ein Friedhof. Ein Wortgrab. Hier ging man doch nicht hin, um gegen ein sich verflüchtigendes Bild anzukämpfen. Aber Mara in ihrer verdrehten Art tat so, als würde das alles noch leben. Dabei waren Bibliotheken Depots des Vergessens. Denkmäler waren doch auch nur dazu da, damit an ein Ereignis nicht mehr gedacht werden musste. Ihr Zweck war die kulturelle Entlastungsfunktion, wie Schleinzer dazu sagen würde, die Befreiung von Ballast, damit das Neue ein freies Feld von Bedeutungen vorfand, sorglos das Freie stürmte wie Kinder einen leeren Turnsaal. Jede Zeit hat das Recht auf ihre eigenen Turnübungen. Ihre Gymnastik. Geräte. Eine Zeit liebt den Bock, eine andre das Pferd.

Die Stadt reservierte Orte der Aufbewahrung. Kulturgüterspeicher in Türmen über und unter der Erde. Auch am Land sah man sie schon, als große weiße Silos überragten sie die hügelige Landschaft. Die Orte selbst waren natürlich verloren. Die Menschen hatten sie abgeschrieben und betrachteten ihren Verlust als Tribut, der zu leisten war. Die Formel für das Vergessen war einfach: Die Fixierung an einen Ort bewirkt den Dispens. Die Festschreibung die Auslöschung. Irgendwann konnten aber auch die Orte wieder in Besitz genommen werden. Ihre Fremdheit verlieh ihnen sogar einen folkloristischen Anstrich. Man zeigte sie gerne her, führte sie den Touristen vor. Die Legenden fanden sich in allen Reiseführern. Ihre Andenken standen in den Verkaufsstellen.

Ich sah auf. Die Rampe hatte sich geleert. „Bevor ich gehe“, sagte Mara, „werde ich die Bibliothek einer anderen Verwendung zuführen“. Ich nickte. Im Unterschied zu ihr wusste ich, dass es das Letzte war, das sie sagen würde. Morgen bereits würde nichts mehr an dieses Gespräch erinnern.

Aus: Das Spital des Augenblicks 2010

*) Anmerkung: Wie wird das Wissen zur "Krämerei"? Anlass für den Titel, der natürlich übertrieben ist, war ein eher unbekannter Text von Karl Marx: "Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses", in dem er sich mit produktiver und nicht produktiver Arbeit auseinandersetzt. Entgegen dem, was vielleicht naheliegt, ist es kein Glück, nach Marx produktive Arbeiter*in zu sein. Zur produktiven Arbeit wird etwas erst, wenn es in den kapitalistischen Produktionsprozess eintritt und Mehrwert produziert. Damit verändert sich aber auch der Inhalt qualitativ. Besonders deutlich wird das an immateriellen Dingen wie Bildung und Wissen, die eigentlich keinen Warencharakter haben. Ein Schulmeister, der Kinderköpfe bearbeitet, schreibt Marx, ist kein produktiver Arbeiter, anders jedoch, wenn er die gleiche Arbeit in einer "knowledge mongering" Institution verrichtet, wo seine Arbeit auch verwertbar wird. Das hat mich damals zu diesem satirischen Text inspiriert und ich habe versucht, eine solche Veränderung darzustellen. Heute finde ich darin weniger satirische Elemente als früher. Vieles ist zur Selbstverständlichkeit oder zum Common sense geworden. Etwa, dass sich die Sprache des Managements in Bereichen durchsetzt, wo sie nichts verloren hat, Sicht und Wahrnehmungsweisen verändert und über diese Veränderungen auch Wirklichkeiten bestimmt. Es geht mir um Beschreibungen der Innenansicht einer sozio-ökonomischen Entwicklung. Veränderungen in den Bereichen Bildung und Wissen sind ein Aspekt davon. Und doch muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass es nicht von allem Anfang an so war, sondern Prozess und Entwicklung ist. Wie drückt es sich aus, in den Körpern, im Denken? Welche Welt wird dadurch geschaffen? Ich frage mich zum Beispiel, wie etwas, das eigentlich befreiend und emanzipatorisch ist, als Herrschaftsinstrument eingesetzt werden kann. Was passiert, wenn alles zum Markt wird, nur ökonomisch "Wert" hat? Gibt es Dinge, die nie zum Markt werden dürfen? Gibt es Dinge, die im Modus des Besitzens, des Messens, der Abgrenzung und Konkurrenz den Sinn verlieren?
Andererseits könnte ich mich auch fragen, wie kann etwas organisiert sein, damit es nicht so ist. Entgegen dem, wie es scheint, ist hier das letzte Wort noch nicht gesprochen.

mulberry mouth

the herb Paris of your voice
in the backest corner of the garden
"are these deadly nightshades or cornelian cherries
behind the consecrated
elder?"
mulberry
like once before I pick her and she
rims the mouth shrills a blue
bell in the dream we ride: small-me on the scooter
you on the stepboard jump on
and off
running board reason
my donkey child
you arise in the snow
I screamed in the monkey tree
the wind blew summer out of the fur
the world hit my disheartened
knee

 

 

© 2019 Eleonore Weber

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