Einübung in Gewöhnungseffekte

Skizzen:

Eingewöhnungen:

Ich fange einmal lose an.
Ich stelle alles nebeneinander, so wie es kommt, so wie es mir einfällt.
Ich stelle mir vor, dass es Linien sind oder Synapsen, von einem zum nächsten.
Die Bewegung verläuft nicht gleichförmig. Sie besteht aus Einschnitten und Sprüngen.
Alles ist irgendwo verzeichnet, aber anders als die bloße Ansammlung von Daten, aus Daten werden Schlüsse gezogen.
Wer zieht sie?

Was zu sehen ist: die gesperrte Zone. Straßenblockaden, Uniformierte. Das Sperrgebiet darf nicht verlassen werden, wer es dennoch tut wird verhaftet. Ein Auto nähert sich, wird gestoppt, zwei Uniformierte, einer davon in Schutzkleidung und Mundschutz gehen langsam auf den Fahrer zu. Die Kamera zoomt heran. Einer trägt einen gepolsterten Schild vor sich her, schreit etwas, hält etwas, das aussieht wie eine Fernbedienung an die Stirn des Fahrers. Der Fahrer wirkt verwirrt, antwortet, steigt aus, reisst sich plötzlich den Mundschutz vom Gesicht.
In diesem Augenblick wird ihm ein sackartiges Netz, das an einer langen Stange befestigt ist, über den Kopf gestülpt. Es ist ein Gerät, das aus der Fischerei kommt, ein Kescher, in dem sonst Fische gefangen und aus dem Wasser gezogen werden. Der Mann schreit, während ihm Handschellen angelegt werden. Er wird abgeführt. (Wuhan, Anfang März 2020)

Bilder, die sich gleichen sind keine unbekannten Bilder mehr.
Seit wann kenne ich sie?
Wann hat es begonnen?
Wie fühlen Sie sich dabei? How does it make you feel?
Die klassische therapeutische Frage lässt sich auch anders stellen. Seit wann fühlen Sie nichts mehr dabei?
Seit wann ist es normal geworden?

Wie mir das Sehen vergangen ist oder seit wann. Ich weiß nicht, es liegen so viele Bilder übereinander. Sie gleichen sich. Ich könnte sie auf einen Stoß legen und daraus ein Daumenkino machen. Dann würden sie in Bewegung geraten. Ihre Bewegung wäre die Veränderung von einem Bild zum nächsten. Der graduelle Unterschied in der Zeit wäre ein Gewöhnungseffekt. Natürlich wird die Bewegung dann als selbstverständlich genommen und das Selbstverständliche wäre natürlich. Wie Kino. Aber was würde sich da bewegen? Oder würde sich etwas nicht mehr bewegen, weil es normal geworden ist.

Den Bildern sehe ich die Gewalt an, Sprache übertüncht. Ereignisse überrumpeln. Sie brechen herein, ehe ich noch nach Luft schnappen kann. Die Luft ist zum Schneiden. Es liegt schlechte Erfahrung darin. Ich komme nicht zum Denken.
Ein Denken, das sich Sachzängen unterwerfen muss, ist kein Denken, nur Notfalldenken.
Ich kann nicht Tabula Rasa machen. Denn etwas bleibt immer.
Corona ist ein schönes Wort.
Beim Soundcheck zu einer Veranstaltung im November des letzten Jahres hat der Tontechniker das Gedicht von Paul Celan ins Mikrophon gesprochen. Nur den Anfang. Da sah ich sie schon wegrollen aus seinem Mund, die Nüsse, die Zeit.
Das Virus rückt alles außer Reichweite. Es entmündigt.
Wir alle sind Kinder geworden. Je schwächer wir sind , umso mehr.
Den Alten wird alles aus der Hand genommen.
Wie schnell kann das kippen, wird aus der Sorge die Ausgrenzung.
Der Körper wird mich verraten. Verräter, sage ich zum Körper. Ich kann gegen mich nichts tun.
Ich komme nicht an gegen mich.
Gegen die Gene, gegen die fremden Gegenden, gegen die Viren, die plötzlich Gegenstand einer öffentlichen Diskussion sind.
Pass auf du bist, was immer du bist, pass auf
auf dich pass auf dich auf schon bist du
ansteckend

Mittlerweile ist Zeit vergangen. Zeit der Gewöhnung. Es ist die Zeit der Gewöhnung an etwas Massives. Wenn das nicht zur Sprache gebracht wird, überlässt man den Raum einer Normalität. Die Normalität hat mit sich nie ein Problem. Sie fragt nicht nach Sprüngen und Widersprüchen. Sie ist plötzlich da. So. Immer. Grundlos. Aber ich brauche ein Datum.
Seit wann ist es zum Beispiel so, dass sich Menschen zusammen mit Unfallopfern selbst fotografieren? Seit es Selfies gibt? Seit es Facebook gibt? Irgendwann ist es eingerissen.

Veränderungen treten so rasant ein, dass für die Reflexion der Einschnitte kaum Zeit bleibt.

Ich habe mich an das Tragen der Maske gewöhnt. Ich sehe es nicht mehr als Gewalt an, obwohl ich unter der Maske keine Luft bekomme und mir die Augen zu tränen beginnen.
Von meinem Körper geht eine Gefahr aus. Eine unbestimmte Gefahr, eine potenzielle Gefahr, die ich nicht kenne. Ich könnte ansteckend sein. Das ist vollkommen neu für mich.
Die Maske ist innen Schutz und außen Gefahr oder innen Gefahr und außen Schutz. Ein Stück Zellstoff-Mauer.

When I was a child  I had a fever.
The Wall
von Pink Floyd wieder gehört

 

 

 

Ich sehe all die Menschen an Zäunen, die nach Europa wollten.
Jetzt sind wieder Zäune da.
Überall.
Mittlerweile sind wir alle hinter Zäunen.

Es ist wie ...

Es lässt sich nicht vergleichen.

 März 2020

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mulberry mouth

the herb Paris of your voice
in the backest corner of the garden
"are these deadly nightshades or cornelian cherries
behind the consecrated
elder?"
mulberry
like once before I pick her and she
rims the mouth shrills a blue
bell in the dream we ride: small-me on the scooter
you on the stepboard jump on
and off
running board reason
my donkey child
you arise in the snow
I screamed in the monkey tree
the wind blew summer out of the fur
the world hit my disheartened
knee

 

 

© 2019 Eleonore Weber

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